Gesundheitswochen

Die meisten bösartigen Erkrankungen ließen sich vermeiden

29.11.2016

Viele Menschen scheuen eine Darmspiegelung – Nicht wenige bezahlen das mit ihrem Leben

Unter den Tumorarten ist der Darmkrebs einzigartig. Im Gegensatz zu anderen bösartigen Erkrankungen lĂ€sst er sich nicht nur frĂŒhzeitig aufspĂŒren, sondern sogar vermeiden. Denn in fast allen FĂ€llen entwickelt sich der Krebs aus Darmpolypen, welche sich in aller Regel rasch und simpel entfernen lassen. Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: JĂ€hrlich erkranken in Deutschland noch immer ĂŒber 60.000 Menschen an Dickdarm- oder Mastdarmkrebs, und fĂŒnf Jahre nach der Diagnose lebt nur mehr die HĂ€lfte der Betroffenen, beziffert das Robert Koch Institut. Zwar ging sowohl die Zahl der Neudiagnosen wie auch die Sterberate in den vergangenen Jahren zurĂŒck, doch fĂŒr unheilbar erkrankte Patienten und deren Angehörige ist die Statistik nur ein schwacher Trost.

Dabei ließen sich die meisten Darmkrebsleiden problemlos verhindern, weiß Privatdozent Dr. med. Thomas Zimmer, Internist und Facharzt fĂŒr Gastroenterologie. Der niedergelassene Mediziner praktiziert in seinen Arztpraxen in Bernkastel-Kues und Wittlich und ist Konsiliararzt im Klinikum Mutterhaus der BorromĂ€erinnen Ehrang. Zimmer verweist auf Studien, wonach sich 90 Prozent der Tumoren aus den leicht aufspĂŒrbaren Polypen entwickeln. Meist dauert es Jahre, bis die Wucherung außer Kontrolle gerĂ€t und zu einem Krebs wird. Das TĂŒckische: HĂ€ufig zeigen sich Symptome erst in einem relativ spĂ€ten Stadium, etwa in Form von Bauchschmerzen, StuhlverĂ€nderungen wie anhaltende DurchfĂ€lle oder Verstopfung, BlĂ€hungen oder in Form von Blutungen. Zwar können die Ursachen fĂŒr letzteres auch in eher ungefĂ€hrlichen Leiden wie HĂ€morrhoiden liegen, doch rĂ€t Dr. Zimmer, bei Blutungen in jedem Fall den Hausarzt aufzusuchen und sich an einen Facharzt fĂŒr Gastroenterologie ĂŒberweisen zu lassen.
Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, steigt mit dem Alter. So erhĂ€lt mehr als die HĂ€lfte aller Betroffenen die Diagnose erst ab dem 70. Lebensjahr, nur rund 10 Prozent der Erkrankten sind jĂŒnger als 55 Jahre. Das ist einer der GrĂŒnde, warum gesetzlich Versicherten ab dem 55. Lebensjahr eine Darmspiegelung zur FrĂŒherkennung zusteht. Zudem können Kassenmitglieder bereits im Alter zwischen 50 bis 54 Jahren jĂ€hrlich einen Test auf verstecktes Blut im Stuhl verlangen. Zwar zeigten vielfĂ€ltige Kampagnen, die fĂŒr eine regelmĂ€ĂŸige Darmkrebsvorsorge werben, Wirkung, doch noch immer meidet die Mehrzahl der Menschen die Koloskopie und wird erst aktiv, wenn Symptome den Weg in die Praxis weisen.

Dr. Thomas Zimmer erlebt hĂ€ufig, dass das Thema nach wie vor schambehaftet ist, so auch bei chronisch-entzĂŒndlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Gerade Ă€ltere Menschen tĂ€ten sich noch schwer mit der Vorstellung, eine Darmspiegelung machen zu lassen, doch auch bei jĂŒngeren gebe es eine gewisse Furcht vor Schmerzen und Komplikationen. Der Mediziner kann hier beruhigen: Die Patienten werden fĂŒr die Dauer der Untersuchung, die in der Regel nach 20 Minuten abgeschlossen ist, in einen kurzen Tiefschlaf versetzt. Von dem Endoskop, das ihnen rektal eingefĂŒhrt wird, bekommen die allerwenigsten etwas mit. Und das Risiko, dass es im Zuge einer Koloskopie zu heiklen Situationen kommt, sei extrem gering, betont Zimmer. Bei nur einer von 10.000 bis 15.000 Spiegelungen komme es zu ernsthaften Komplikationen, beziffert er.

StĂ¶ĂŸt Zimmer im Darm auf einen Polypen, trĂ€gt er diesen sogleich ab und schaltet diesen Risikofaktor aus. Auch grĂ¶ĂŸere Polypen entfernt der Konsiliararzt, erst ab einer bestimmten GrĂ¶ĂŸe oder wenn es sich bereits um einen Tumor handelt, ist der Chirurg gefordert. Zimmers Patienten hilft dessen enge Zusammenarbeit mit dem Klinikum Mutterhaus: „Ich habe das Klinikum im RĂŒcken. Entferne ich in der Praxis einen grĂ¶ĂŸeren Polypen, weise ich meine Patienten ins Klinikum Mutterhaus ein, wo sie noch ein bis zwei Tage unter meiner Aufsicht stationĂ€r ĂŒberwacht werden.“ FĂŒr Zimmer ist klar: Wer eine Darmkrebsvorsorge meidet, lĂ€uft Gefahr, spĂ€ter einen hohen Preis und nicht selten sogar mit seinem Leben dafĂŒr zu zahlen. Allein schon die große Chance, die eine Spiegelung in punkto Vorsorge und FrĂŒherkennung böte, sei Grund genug, sich untersuchen zu lassen.
Wie es auch gute GrĂŒnde gibt, bereits in jungen Jahren seinen Teil zur PrĂ€vention beizutragen. So ist lĂ€ngst erwiesen, dass Faktoren und Verhaltensweisen wie Übergewicht, Bewegungsmangel, fettreiche ErnĂ€hrung und geringer GemĂŒseverzehr die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an Darmkrebs zu erkranken. Auch Rauchen und hĂ€ufiger Alkoholkonsum begĂŒnstigen die Entstehung eines Tumors. Nichtraucher, die sich viel bewegen, ballaststoffreich ernĂ€hren und nur in Maßen Alkohol genießen, haben somit bessere Chancen, dass eine Darmspiegelung in spĂ€teren Jahren das gewĂŒnschte Ergebnis bringt: alles im grĂŒnen Bereich.