Gesundheitswochen

Bauchweh ist noch keine Krankheit – Wenn aber Kinder immer wieder ĂŒber Schmerzen und Durchfall klagen, sollten Eltern hellhörig werden

26.11.2016

Der Sohn will nicht in die Kita, die Tochter hat Angst vorm Alleinsein. „Ich habe Bauchweh“, sagen beide unisono und fahren sich mit der Hand ĂŒber den Bauchnabel: „Hier, da tut es ganz doll weh.“ Eltern wissen: Das geht meist rasch vorĂŒber.

Auch Privatdozent Dr.med. Wolfgang Thomas beruhigt: „In den meisten FĂ€llen handelt es sich um funktionelle Beschwerden, fĂŒr die man keine organische Ursache findet.“ Der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Klinikum Mutterhaus der BorromĂ€erinnen rĂ€t: „Man sollte sein Kind immer ernst nehmen, aber zu viel Aufmerksamkeit kann auch zur VerstĂ€rkung einer funktionellen Symptomatik fĂŒhren.

Die Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Eltern bei Dr. Thomas vorstellig werden, klagen ĂŒber Beschwerden, deren Ursachen oft gravierend sind. Beispiel Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Etwa 300.000 Menschen leiden hierzulande an einer dieser chronisch-entzĂŒndlichen Darmerkrankungen. Die können in jeder Altersphase auftreten, doch sind immer mehr Jugendliche und Kinder betroffen. Und die Erfahrung zeigt: Je frĂŒher Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa auftreten, desto ausgeprĂ€gter ist in der Regel ihr Verlauf und werden die BeeintrĂ€chtigungen in der LebensqualitĂ€t sein. Meist Ă€ußern sich die Erkrankungen in starken, oft krampfartigen Bauchschmerzen und heftigen, nicht selten blutigen DurchfĂ€llen.

Über die Ursachen dieser Erkrankungen herrscht keine letzte Gewissheit, und bis dato lassen sich diese Leiden zwar lindern, jedoch nicht heilen. „Wir mĂŒssen aber den Verlauf der Erkrankung unter Kontrolle bekommen, um schwerwiegende Folgen zu verhindern“, sagt Kinder- und Jugendmediziner Thomas. Voraussetzung hierfĂŒr ist eine exakte und möglichst frĂŒhzeitige Diagnose, und bei dieser kommt Dr. Erwin Rambusch und seinem Team ein wichtiger Part zu: Der Leiter der Gastroenterologie und stellvertretende Leiter des Darmzentrums im Klinikum Mutterhaus fĂŒhrt auch bei Jugendlichen und  Kindern Magen- und Darmspiegelungen durch. „HierfĂŒr gibt es spezielle, besonders dĂŒnne Endoskope, die eine schonende Untersuchung ermöglichen“, berichtet Dr. Rambusch. So lassen sich schon in jungen Jahren chronisch-entzĂŒndliche Darmerkrankungen diagnostizieren.

Dr. Thomas erlĂ€utert, warum gerade bei Kindern und Jugendlichen ein frĂŒhzeitiges Gegensteuern mit Medikamenten oder einer speziellen ErnĂ€hrungstherapie vonnöten ist. Da die DarmentzĂŒndung dem Körper alles abverlangt, drohen Verzögerung des Wachstums und der PubertĂ€tsentwicklung. Der Chefarzt veranschaulich dies an einem konkreten Beispiel: Ein 14-jĂ€hriges MĂ€dchen, das an Morbus Crohn leidet, sieht kindlicher aus, ist kleiner und hat auch ein geringeres Körpergewicht als Gleichaltrige; obendrein bleibt oft seine Regelblutung aus. Die körperlichen Symptome ziehen oft eine Stigmatisierung nach sich. Zumal das MĂ€dchen mit weiteren BeeintrĂ€chtigungen wie hĂ€ufigem Stuhlgang oder verstĂ€rkten Schmerzen im Verlauf eines Schubs zu kĂ€mpfen hat. Deshalb erhalten die betroffenen Kinder und Jugendlichen im Mutterhaus eine ganzheitliche Behandlung, bei der die Villa Kunterbunt eingebunden wird. Hier kommen sie mit anderen jungen Erkrankten in Kontakt und lernen, wie sie im Alltag mit ihren Beschwerden besser zurechtkommen können.
Die Zahl der Kinder mit Gluten-UnvertrĂ€glichkeit ist betrĂ€chtlich, wogegen Tumorerkrankungen des Darms im Kindesalter sehr selten sind. Diese chronische Erkrankung des DĂŒnndarms nennt man auch Zöliakie. Gluten kommt in Getreidearten wie Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel vor. Abgesehen von Beschwerden wie Durchfall erhöht eine Zöliakie signifikant das Risiko, im spĂ€teren Leben an einem bösartigen DĂŒnndarmtumor zu erkranken.

Ebenfalls die LebensqualitĂ€t mindernd, sind Zucker-UnvertrĂ€glichkeiten. Zwar tritt eine Milchzucker-(Laktose)-UnvertrĂ€glichkeit oft erst im Erwachsenenalter auf, doch sind auch Kinder und Jugendliche betroffen, so Dr. Thomas. Ein weiteres PhĂ€nomen, mit dem schon junge Menschen zu kĂ€mpfen haben, ist Verstopfung. Viele Kinder und Jugendliche ernĂ€hren sich ungesund und meiden Bewegung. Ballaststoffreichere ErnĂ€hrung und mehr Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurĂŒcklegen sind gute Mittel, einer Verstopfung vorzubeugen. Das gilt fĂŒr Kinder gleichermaßen wie fĂŒr Erwachsene.