Gesundheitswochen

Mut zum Fragen, Mut zum Sprechen –

25.11.2016

Schwere Erkrankungen am Arbeitsplatz thematisieren.

Bei einer schweren Erkrankung ist es nicht nur der Betroffene selbst, der lernen muss damit umzugehen. Neben der Familie sind es bei BerufstĂ€tigen auch die Kollegen und die Vorgesetzten, die die Situation meistern mĂŒssen. DarĂŒber, was am Arbeitsplatz erlaubt und erwĂŒnscht ist, spricht Brigitte Bogdanski im Interview. Sie ist leitende Diplom-Psychologin im Trierer Klinikum Mutterhaus der BorromĂ€erinnen. Sie kĂŒmmert sich nicht nur um Patienten mit schweren Erkrankungen, sondern ist auch fĂŒr die Mitarbeiter Ansprechpartnerin in Krisensituationen rund um den Arbeitsplatz.

Wenn ein Kollege oder eine Kollegin wegen einer schweren Erkrankung wie zum Beispiel Krebs eine Zeitlang nicht arbeiten kann, dĂŒrfen der Vorgesetzte und die Kollegen ihm gute Besserung wĂŒnschen, ihn anrufen oder ĂŒber die Sozialen Medien kontaktieren?
FĂŒr diese Situation gibt es keinen Königsweg, denn jeder Mensch ist anders und hat ganz unterschiedliche BedĂŒrfnisse. Jede einzelne Situation ist anders. Es ist ganz wichtig zu schauen, in welchem VertrauensverhĂ€ltnis die Kollegen zueinander stehen. Es sollte auch darauf geachtet werden, in welcher Phase sich der kranke Kollege gerade befindet. Oft muss man Kollegen auch vor weiterem Stress schĂŒtzen. Mitleid kann auch ĂŒberfordern.

Wenn der oder die Erkrankte grundsĂ€tzlich offen ist fĂŒr einen Kontakt – was können die Kollegen tun?
Im akuten Krankheitsfall soll der Arbeitgeber Interesse zeigen und GenesungswĂŒnsche zum Beispiel per Postkarte nach Hause schicken. Auch ein Buchgeschenk kann ein passender Gruß sei. Er soll sich kĂŒmmern, darf dadurch aber keinesfalls Druck ausĂŒben.

Der Kollege/die Kollegin möchte alleine sein, ist das in Ordnung?
Sollte die erkrankte Person keinen Kontakt wĂŒnschen, ist dies selbstverstĂ€ndlich zu respektieren. Sie kann selbst oder ĂŒber eine Vertrauensperson mitteilen, dass sie sich Ruhe wĂŒnscht und ihr kein Kontakt derzeit am besten bekommt. Bei einem stationĂ€ren Aufenthalt ist es durchaus ĂŒblich, ĂŒber das Pflegepersonal zu regulieren, wer zu Besuch kommen darf.

Ist es sinnvoll, hierĂŒber mit einem Angehörigen des kranken Kollegen zu sprechen?
Wenn der Vorgesetzte vorab bei einem Angehörigen nachfragt, in welcher Form er Kontakt aufnehmen darf, ist dies sicher hilfreich. Denn der Betroffene soll seine BedĂŒrfnisse offen artikulieren. Das ist das Wichtigste. Erkrankte dĂŒrfen auf alle FĂ€lle auch sagen, dass sie nicht ĂŒber ihre Erkrankung sprechen oder dass sie gar keinen Kontakt haben möchten. Das muss immer akzeptiert werden.

Welche Ängste haben die Betroffenen nach einer schweren Diagnose?
Wir erleben bei unseren Patienten ganz oft, dass sie Angst haben, ihren Job zu verlieren und auch die Angst vor sozialem Abstieg ist immer wieder Thema in meinen Beratungen. Sie haben Angst, gerade darĂŒber mit ihrem Arbeitgeber zu reden. Hier kann ich nur an den Erkrankten appellieren: Haben Sie Mut zum Fragen und Mut zum Sprechen! Denn in den allermeisten FĂ€llen stoßen sie auf großes VerstĂ€ndnis – obwohl genau das die meisten nicht erwartet haben.

Was genau können Erkrankte mit ihrem Chef thematisieren?
In der Gesellschaft ist es verbreitet, Angst davor zu haben, SchwĂ€che zu zeigen. Nach außen hin wird dies tabuisiert. Genau deshalb sollten die Erkrankten aktiv auf ihren Arbeitgeber zugehen und mit ihm darĂŒber sprechen, wie der Arbeitsplatz entsprechend gestaltet werden kann: Ist es möglich, in Teilzeit zu arbeiten? Wie lange dauert die Rehaphase? Kann die Stelle auf befristete Zeit reduziert werden? Bei einem guten ArbeitsverhĂ€ltnis wird der Vorgesetzte auf alle FĂ€lle daran mitarbeiten, die Wiedereingliederung tatkrĂ€ftig zu unterstĂŒtzen.

Ist der Firmenchef automatisch auch immer der Richtige fĂŒr diese Fragen?
GesprĂ€chspartner in großen Unternehmen können der Betriebsarzt, ein psychologisch arbeitender Mitarbeiter oder auch ein Kollege aus der Mitarbeitervertretung sein. In kleineren Firmen ist es der Vorgesetzte oder Inhaber, mit dem der Erkrankte sprechen sollte. Zum GesprĂ€ch kann man immer auch eine Vertrauensperson mitnehmen.

Was ist Ihre Faustformel fĂŒr den Umgang mit einem ernsthaft erkrankten Kollegen?
Wechseln Sie die Perspektive und ĂŒberlegen Sie ganz praktisch: Was wĂŒrde mir in diesem Moment guttun?

Chronisch kranke Kollegen sind manchmal im Tagesablauf beeintrÀchtigt. Darf man das thematisieren?
Kollegen dĂŒrfen auf alle FĂ€lle fragen, wie man in einer eventuell kommenden Situation helfen kann. Wenn die Kollegen zum Beispiel bei einem epileptischen Anfall oder einem Zuckerschock wissen, was zu tun ist, schĂŒtzt das ja auch den Erkrankten. Es ist immer gut, Halbwissen zu Wissen zu machen. Indem man seine eigene Unsicherheit benennt, baut man auch Vertrauen fĂŒr einen sicheren Umgang auf beiden Seiten auf.