Gesundheitswochen

Was tun, wenn die Seele leidet?

04.12.2015

03Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat neben den jungen Patienten auch deren Eltern im Blick

Den meisten verlangt es schon einiges ab, den ersten Schritt zu tun. Haben aber Eltern und Kind den Weg zur Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhauses gefunden, so erwartet sie dort professionelle und menschliche UnterstĂŒtzung. Die Erkrankungen, mit denen Dr. Alexander Marcus und sein Team zu tun haben, sind ĂŒberwiegend seelischer Natur. Ihr Ursprung liegt zunĂ€chst im Verborgenen. „Wir sehen uns immer auch als Detektive“, berichtet Privatdozent Marcus, „wir wollen den Auslösern der Erkrankung unbedingt auf die Spur kommen.“

Es sind Ursachen von Krankheitsbildern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist der 8-JĂ€hrige, der mit einem Tourette-Syndrom zu kĂ€mpfen hat; oder die 14-JĂ€hrige, deren Magersucht beinahe zum Tod gefĂŒhrt hĂ€tte. Andere Jugendliche fielen durch massive RegelverstĂ¶ĂŸe auf, schwĂ€nzten die Schule, quĂ€lten Tiere. Auch junge Menschen mit Depressionen, Ängsten oder Drogenproblemen kommen, und bisweilen bedingt das eine das andere. Nicht selten zieht eine psychiatrische Erkrankung eine weitere nach sich. Auch deshalb ermutigt Marcus Eltern dazu, professionelle Experten umgehend zu kontaktieren, sollte ihr Kind besondere AuffĂ€lligkeiten zeigen.

Die Eltern sind besonders gefordert, weil bei den meisten der betroffenen Kinder und Jugendlichen der Leidensdruck lange nicht so ausgeprĂ€gt ist wie in ihrem Umfeld. „Eine MagersĂŒchtige nimmt ihre Situation zunĂ€chst weniger schlimm wahr als ihre Mutter, die sieht, wie ihre Tochter immer dĂŒnner wird“, berichtet der Chefarzt. Weil viele Menschen bei psychiatrischen Erkrankungen aber nach wie vor eine Stigmatisierung fĂŒrchteten und oft auch SchuldgefĂŒhle im Spiel sind, scheuen viele den Gang zum Arzt.

Dabei steht und fĂ€llt der Erfolg der Behandlung mit der möglichst frĂŒhzeitigen Diagnose und Therapie. Wird diese versĂ€umt und bleibt das Kind unbehandelt, kann sich eine unheilvolle Kette aus Folgeerkrankungen und Symptomen bilden. Dr. med. Marcus schildert dies an einem Beispiel: Eine Jugendliche litt an Magersucht, deren Ursache in einer unbehandelten Aufmerksamkeits-Defizit-HyperaktivitĂ€ts-Störung (ADHS) lag. „Kinder, die an ADHS leiden, haben das GefĂŒhl, nichts auf die Reihe zu bekommen. Die Folge sind permanente EnttĂ€uschungen und ein negatives Selbstbild“, erlĂ€utert der Chefarzt.

Mangelnder Selbstwert bietet den idealen NĂ€hrboden fĂŒr eine Magersucht. So war es auch im konkreten Fall. Als man erkannt hatte, dass die Essstörung die Folge einer ADHS war, entschloss man sich, die eigentliche Ursache medikamentös zu behandeln. Dass die gegen ADHS wirkenden Medikamente appetithemmend waren, tat dem Therapieerfolg keinen Abbruch: Indem das MĂ€dchen wieder Erfolge hatte und ein neues positives SelbstwertgefĂŒhl aufbaute, bekam es seine Essstörung in Griff.

Um Eltern sowie Lehrer und Mitarbeiter von KindertagesstĂ€tten und Jugendhilfeeinrichtungen fĂŒr seelische Erkrankungen junger Menschen zu sensibilisieren, suchen Mitarbeiter des Mutterhauses auch das GesprĂ€ch vor Ort. Das Ziel: Auf Kinder mit auffĂ€lligem Temperament aufmerksam werden und abklĂ€ren lassen, ob Anzeichen fĂŒr eine Bindungsstörung oder eine andere seelische Erkrankung gegeben sind. Hierbei geht es nicht darum, unbedenkliche Verhaltensweisen zu problematisieren, sondern dabei zu helfen, tatsĂ€chliche Erkrankungen zu erkennen. Denn Kinder und Jugendliche, die beispielsweise ĂŒber ausgeprĂ€gt aggressives Verhalten ihren Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zuwendung Ă€ußern, leiden nicht nur selbst, sondern verlangen auch ihren Eltern einiges ab – bis dahin, dass Paarbeziehungen gefĂ€hrdet werden, Ehen zerbrechen oder aus Überforderung heraus Misshandlungen beim Kind erfolgen.

Die Patienten sollen möglichst ambulant oder teilstationĂ€r betreut werden, doch fĂŒhrt fĂŒr manche kein Weg an einer lĂ€ngeren stationĂ€ren Aufnahme vorbei. Die Abteilung hĂ€lt dafĂŒr eine Tagesklinik sowie drei Stationen vor. Dass Triers grĂ¶ĂŸtes Klinikum ĂŒber eine ganze Reihe medizinischer Fachabteilungen verfĂŒgt, ist ein großes Plus. Schließlich kommt es bei einigen seelischen Erkrankungen zunĂ€chst darauf an, den Patienten physisch zu stabilisieren. Und umgekehrt: Patienten mit körperlichen Symptomen, fĂŒr die keine organische Ursache gefunden werden kann und ein seelisches Leiden angenommen werden muss, sind im Mutterhaus ebenfalls bestens aufgehoben: „Es wird viel darĂŒber geredet, aber bei uns arbeiten die somatische und die psychiatrische Medizin wirklich eng zusammen“, unterstreicht Dr. med. Alexander Marcus einen Vorzug des Klinikums.